Kaninchen sind so unterschiedlich wie Menschen. Es gibt die vorlauten, neugierigen und abenteuerlustigen Tiere und es gibt die zarten, scheuen, schüchternen, zurückhaltenden Kaninchen. Jedes Tier ist einmalig! Es gibt also nicht DAS Kaninchen und damit auch keine allgemein gültige "Gebrauchsanweisung".
Ob überhaupt und wie weit ein Tier zutraulich wird, hängt maßgeblich von seiner Persönlichkeit ab, von den Dingen, die es von der Mutter oder der Kaninchengruppe gelernt hat, von den Erlebnissen, die es hatte, bevor es zu uns kam. Ein ängstliches Tier wird niemals in dem Sinne zutraulich wie ein Kaninchen, das völlig unbefangen glücklich ist. Für das eine Kaninchen ist es das Schönste auf dem Schoß zu sitzen und sich stundenlang den Nacken graulen zu lassen, für das andere Tier ist es die schrecklichste Sache überhaupt, weil es Angst vor der Höhe, Angst vor dem Fallenlassen oder Angst vor einer Hand hat. Die Vorgeschichte eines Kaninchens ist ebenso prägend wie sein Charakter. Erlebnisse können bestimmte Verhaltensmuster verstärken oder abschwächen.
Leider glauben immer noch viele, dass Kaninchen zu Zweit gehalten niemals so zahm werden können wie Einzeltiere. Ebenso hartnäckig hält sich das Gerücht, Kaninchen würden artgerecht in Außenställen oder Freigehege gehalten nicht so zahm wie Wohnungskaninchen. Wie soll es sich da erst mit Kaninchen verhalten, die in einer großen Gruppe draußen im Garten leben?
Dabei ist es eine Frage der Zuwendung, ob ein Kaninchen Vertrauen fasst. Der täglich ausreichend lange Auslauf ist für eine artgerechte Haltung von Kaninchen sowieso unentbehrlich. Er hält die Tiere fit und neugierig und beugt vielen Krankheiten Verhaltensstörungen vor, die mit einer Käfighaltung und den daraus resultierenden Bewegungsmangel und geistigen Beschäftigung der Tiere entstehen können. Kaninchen sind extrem neugierig und wer Kaninchen noch nie erlebt hat, wird überrascht sein, wie ausdauernd die Tiere toben können. Kaninchen sind "Gewohnheitstiere". Sie lieben ihre Rituale und pochen darauf, so man sie lässt. Einmal etwas gelernt, kommen sie immer wieder darauf zurück. Deshalb sollte man seine persönlichen Rituale mit den tierischen Freunden finden. Spielen Sie mit den Kaninchen!
Mit Kaninchen spielen? - Mit Kaninchen kann man spielen, in dem man sie zu ihrem natürlichen Verhalten anregt. Ein Beispiel, das schnell zu einer Intensivierung des Mensch - Kaninchen Verhältnisses führt: Schneiden Sie zum Beispiel eine Möhre in kleine mundgerechte Würfel (sofern das Kaninchen Möhren liebt). Verstecken Sie die Möhre in ihrer halb geöffneten Hand und lassen sie das Kaninchennäschen danach suchen. Setzten Sie sich dazu auf den Boden. Es ist eine Frage wie schlau und aufmerksam ihr Tier ist und natürlich, wie mutig. Von einem schüchternen Tier kann man nicht erwarten, dass es gleich auf Tuchfüllung geht. Deshalb bewahren Sie Abstand und legen sich vielleicht sogar auf den Boden. Manchen Tieren macht die Größe von uns Menschen einfach Angst und sie sind wesentlich aufgeweckter, wenn man liegt.
Variieren Sie das Spiel indem Sie das Tier nach unterschiedlichen Leckereien suchen lassen. Kaninchennäschen sind sehr fein. Geeignet sind immer Stücke, die wirklich nur eine Mundfüllung betragen, denn dann rennt das Kaninchen nicht damit weg, sondern sucht bald nach einem weiteren Leckerchen, das es bei Ihnen vermutet. Natürlich können die Leckereien variieren und auch mal aus Haferecken, Apfelpellets, Apfelstücken, Birne, was auch immer bestehen. Achten Sie nur darauf, nicht mit den ungesünderen, aber weitaus beliebteren Leckereien zu übertreiben. Auch sollte man das Tier ab und zu fordern. Ein Kaninchen kann sich ganz schön strecken, wenn es etwas will. Lassen Sie es ruhig mal "Männchen machen". Das fördert den Gleichgewichtssinn.
Übrigens bringen meine Kaninchen die Kunst des Streckens im Garten zur Vollendung. Im Winter haben sie mir die Tujahecke bis fast auf 1 Meter Höhe von Grünzeug befreit und entrindet. Dabei sind sie auf ihren Krallenspitzen getänzelt und fast den Baum hoch geklettert!
Ganz junge Kaninchen haben bei mir auch mal ein besonderes "Kunststück" fertig gebracht. Sie waren vielleicht gerade mal 3 Wochen alt und fingen gerade zu hoppeln an. Am Anfang krabbeln Kaninchen wie Babys, erst später im Alter von vielleicht 3 - 4 Wochen entwickelt sich der typische Hoppelgang. Jedenfalls fanden die Kleinen es doof im Freigehege zu spielen, während ihre Mami im Garten toben durfte. Plötzlich entdeckten wir die Kleinen dabei, wie sie Fuß für Fuß in die Gitter des Hasendrahts stellten und seelenruhig an einer Ecke des Geheges wie an einer Leiter hochkletterten!!!
Das Spiel kann zur Sucht werden und Blüten treiben, nämlich dann, wenn Sie keinen einzigen Schritt mehr gehen können, ohne dass ihnen ein Kaninchen am Hosenbein zieht oder Sie anspringt. Sie sollten niemals Leckereien einfach so in den Käfig hängen, wenn Sie damit eine Beziehung pflegen können.
Wie einfallsreich und zielbewusst manche Kaninchen sein können, wird bewusst, wenn Sie sich Wege ersinnen, um auf sich aufmerksam zu machen, selbst, wenn Sie gerade nicht das Spiel spielen. Meine Kaninchen hüpfen auf eine Kiste und dann auf meinen Schoß, wenn ich sitze und sie suchen in der Hemdtasche und den Händen. Das haben sie ganz von alleine heraus gefunden. Sie reagieren auf mein Winken, selbst wenn sie im hintersten Winkel unseres Gartens hocken. Ein Kaninchen, das freiwillig auf den Schoß hüpft und sich beim Futtern seiner Leckerei streicheln lässt, ist ein Ausdruck absoluten Vertrauens und Selbstbewusstseins. Es ist einfach wunderbar!
Die Beschäftigung mit dem tierischen Freund kann auf vielerlei Wege erfolgen. Immer sollte sie jedoch der Persönlichkeit und den besonderen Vorlieben des Kaninchens angepasst sein. Es gibt Kaninchen mit denen man beispielsweise Hürdenlaufen üben kann. Mein Fritz will für diese Übung noch nicht einmal belohnt werden. Wenn er über die 30 cm Hürde seines Freigeheges springt (seinerzeit angelegt, damit die Kaninchen nicht gleich in den Garten stürmen, wenn ich sie füttern komme), dann freut er sich selbst so sehr über sein Kunststück, dass man ihm das Lachen im Gesicht ansehen kann. Klar, kann er nur über die "Hürde" springen, wenn ich das Gatter öffne und dabei springt sowieso eine Mahlzeit raus, was Belohnung genug ist :-)
Die Bandit Methode
Bislang haben wir Menschen das Kaninchen zu zähmen versucht. Im wahren Leben verhält es sich freilig umgekehrt. Das Kaninchen versucht seine Ansprüche gegenüber dem Menschen durchzusetzen. Bis meine Kaninchen im Garten zu mir kamen und freiwillig auf den Schoß sprangen war es ein langer Weg. Bandit, unser kleiner Rabauke, hat ihn uns gezeigt.
Bandit ist ein Energiebündel. Er führte eine Gruppe an, aber diesen Posten verlor er, nachdem er sich seinem Bruder gegenüber zu fies benommen hatte. Jetzt ist der Bruder fies zu ihm, aber das ist eine andere Geschichte. Seit diesem rüden Machtverlust interessiert Bandit nur noch das Fressen. Bandit entdeckte als Erster den Mirabellenbaum in unserem Garten. Und weil ihm nicht genug Früchte herunter fielen, stellte er sich uns regelmäßig in den Weg, wenn wir den Mirabellenbaum passierten und fixierte uns mit seinem herzerweichenden Bettelblick. Niemand kam an ihm vorbei!
Im Winter brachte er uns dazu für ihn die Nüsse unseres Walnussbaums zu knacken und weil wir so langsam dabei waren, ersann er Wege die Sache zu beschleunigen. Kurzum, er hüpfte auf unseren Schoss und bekam Unmengen von Nüssen. Dies blieb seinen Geschwistern natürlich nicht verborgen. Aber sie waren nicht so wagemutig wie Bandit und so stellten wir eine Kiste hin, auf der sie springen konnten um meinen Schoß zu erreichen. Seit dem treffen wir uns regelmäßig im Garten. Ich halte Unmengen von klein geschnittenen Möhren-, Sellerie- und Topinamburschnitten bereit, die auf mundgerechte Größe geschnitten wurde, damit ich es jedem Tier persönlich geben kann. Bandit ist natürlich immer der Erste auf meinem Schoß und wenn ich statt der Möhren, ein Lofty in der Hand halte, krabbelt er auch schon mal auf die Schulter, balanciert todesmutig auf dem Arm herum und denkt sich jeden möglichen Weg zur begehrten "Süßigkeit" aus.
Manchmal tollen sechs Kaninchen zugleich auf meinem Schoß, das ist dann schon mal viel zu viel. Und wenn man nicht aufpasst, hocken sie auf den Tisch und rauben den Frühstücksteller aus. Einmal musste ich mit Bandit um mein Brot kämpfen. Bandit siegte, zumindest die trockene Kruste durfte er futtern und war mächtig stolz auf seine "Kriegsbeute".

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