Vom Umgang mit einem käfiggeschädigten, schwierigen Kaninchen
Wir bekamen unsere Kaninchendame Feline von einem unbekannten jungen Mann geschenkt. Der junge Mann war wohl nie zu Hause (er lebte glaube ich alleine) und konnte sich daher nicht um das Kaninchen kümmern. Das Tier war versorgt worden, hatte aber keine Ansprache gehabt. Obendrein war sie wohl auch zuletzt im Keller aufbewahrt worden, wie ich später erfuhr.
Geliefert wurde sie uns zusammen mit einem Meerschweinchen in einem kleinen Käfig (90 cm lang und 50 cm breit). Gleich am ersten Abend machte meine Familie eine erschreckende Entdeckung. Die Krallen der Tiere waren megalang. Deswegen konnten die beiden Kleinen beim ersten Freilauf in ihrem neuen Heim auch überhaupt nicht laufen. Gut, als erstes war dann also Krallenschneiden dran. Das Krallenschneiden half aber leider nicht viel beim Kaninchen. Völlig steif und ungelenk und mit angststarrem Blick "stümperte" das Kaninchen 3 Schritte vorwärts. Mir kam plötzlich ein entsetzlicher Verdacht: Waren die Tiere etwa über einen sehr langen Zeitraum nur in diesem winzigen Käfig eingesperrt ?? Das war ein erbarmungswürdiger Anblick, so etwas habe ich noch nie gesehen vorher. Nun gut, hätte mir ja gleich klar sein müssen, dass die Tiere in einem solchen Zustand sind, der junge Vorbesitzer war ja nie zu Hause.
Mein Mann und ich beschlossen sofort, das Kaninchen in unserer Wohnküche unterzubringen und die Käfigtür immer offen zu halten, damit sie nicht mehr eingesperrt ist.
Nach ein paar Tagen kam uns ein weiterer Verdacht: Hat die scheinbar lange Zeit in der sie eingesperrt war und keine Ansprache hatte, dazu geführt, dass sie den Menschen als Feind betrachtet? Nun gut, also versuchten wir Menschen auch an diesem Tatbestand etwas zu verändern: Wir legten uns stundenlang jeden Tag, soweit das möglich war (wir sind nun auch berufstätig und haben noch ein Kind, um das man sich auch kümmern muss) auf den Fußboden und sprachen mit ihr. Ahnungslos griffen wir einige Male in ihren Käfig, was sie mit Bissen quittierte. Unsre Ansprache half nichts. Auch unser Locken mit Salatblatt oder anderen leckeren Sachen ignorierte sie. Sie blieb regungslos im Käfig sitzen, mit angststarrem Blick, und holten wir sie aus ihrem Gefängnis heraus, wurde sie wütend und ergriff die Flucht nach vorn: Sie biss uns mehrmals blutig und fauchte uns an. Sie wollte einfach nicht raus aus dem Käfig und von uns wollte sie scheinbar gar nichts wissen. Vermutlich war sie auch irritiert durch die von uns produzierten Geräusche (Laufen, Sprechen, Kochen, usw.), die sie nun plötzlich hörte und vorher nicht so kannte. Ich weiß es nicht.
Dieses unschöne Spiel ging gut 1-2 Wochen so weiter.
Also recherchierte ich im Internet über diesen Fall. Ich fand aber wenig Brauchbares über den Umgang mit seelisch verwahrlosten Tieren, die obendrein noch schwierig zu sein schienen.
Also versuchte ich mein Glück bei Kaninchenweb und ich schrieb eine hilfesuchende Mail an Sandy. Das war das Beste, was ich tun konnte, wie sich herausstellte. Sie antwortete mir prompt und war mit ihrer langjährigen Erfahrung und ihrem großen Einfühlungsvermögen die beste Hilfe, die ich bekommen konnte. Hatte ich doch noch nicht so viel Erfahrung im Umgang mit Kaninchen, und mit Problemkaninchen hatte ich schon gar keine Erfahrung.
Ich hielt mich strikt an Sandys Ratschläge: Ich fasste nicht mehr in Felines Käfig, ihre letzte Zuflucht, und ich ging mit meiner Hand nicht mehr von vorn auf sie zu, da sie dies ja anscheinend als Angriff wertete. Das Futter legte ich ihr gleich neben die Käfigtür, möglichst ohne meine Hand in den Käfig zu strecken. Ich holte sie auch nicht mehr ungefragt aus dem Käfig heraus. Ihr Käfig war also ihr Revier und ihre Zuflucht und durfte nicht von uns angetastet werden. Die Käfigtür blieb Tag und Nacht offen, und wir versuchten, außerhalb des Käfigs eine interessante Landschaft zu gestalten. Wir legten ein Stück Teppichrolle auf den Boden, stellten einen Stuhl hin und legten eine alte Decke darüber, so dass unter dem Stuhl eine Art Höhle entstand, wir schnippelten Ein- und Ausgangslöcher in einen größeren Karton, und stellten ihn auf den Boden, und einen Heu-gefüllten runden Grasball bekam sie auch. Wir bedrängten sie also nicht mehr, wir sprachen sie nur freundlich und in ruhigem Ton an. Die Küchengeräusche konnte ich nun nicht verhindern, aber wir achteten wenigstens darauf, dass die Töpfe usw. nicht lauthals in die Schränke geknallt werden. Außerdem sind diese Geräusche ja nicht den ganzen Tag über, meistens ist ja doch Ruhe in dem Raum.
Nach drei !! Wochen kam sie dann zum ersten Mal während unserer Anwesenheit aus dem Käfig, welch ein Jubel !!! Ich packte die Gelegenheit beim Schopf und wechselte zum ersten Mal die Einstreu im Käfig. Nach zaghaftem Beschnuppern der Gegenstände und einem ängstlichen an der Wand Entlanglaufen verlor sie aber bald wieder das Interesse an den von uns drapierten Dingen. Wenigstens kam sie aber von jetzt an gelegentlich aus ihrem Käfig während wir da waren, sie beschnupperte uns sogar, um sich aber danach in eine Zimmerecke zu hocken, wo sie dann wieder regungslos hocken blieb.
Die Kleintierärztin konnte keine Anzeichen von Krankheiten entdecken, Zähne auch gesund.
Also musste die Ursache für ihr Verhalten ihre so sehr verletzte Seele sein.
Es war allmählich zum Verzweifeln. So ging das drei Monate lang. Nachdem sie dann auch noch anfing immer weniger zu fressen und immer magerer zu werden rief ich im Tierheim an. Ich dachte nur noch: Das Tier ist depressiv und aggressiv und verhaltensgestört und muss unbedingt zu einem Partner, den ich ihr nicht bieten kann. Ich wollte sie woanders hinvermitteln. Dann die erschütternde Antwort aus dem Tierheim: So ein Tier will niemand, die Kunden wollen schmusige Tiere. Ich könne sie aber trotzdem ins Tierheim bringen.
Ich habe sie nicht ins Tierheim gebracht. Vielleicht war das mein Kardinalfehler.
Ich versuchte weiter mein Glück mit ihr, jetzt nahm ich sie doch wieder gelegentlich auf meinen Arm, und ich trug sie abends im Dunkeln in unserem Hof spazieren (im Dunkeln deswegen weil ich mich schämte) und ließ sie an den Sträuchern schnuppern (es war März und kalt und sie hatte kein Winterfell). Ich setzte sie immer mal wieder kurz aufs Gras.
In der Küche legte ich mich vor sie auf den Fußboden und versuchte mit ihr gemeinsam zu mümmeln, wenn kein anderer Mensch in der Küche war. Sie machte den Anfang und ich mümmelte grundsätzlich einen Takt langsamer als sie. Ich musste das ja irgendwie mit dem Mundwinkel machen. Sie hat dieses Spiel aber registriert, jedenfalls stellte ich ein plötzliches Ohrenspiel bei ihr fest.
Ich versuchte, mit ihr Verstecken zu spielen, ich rollte kleine Bälle langsam durch die Küche. Mein Sohn stellte seine muhende Milka-Plüschkuh auf den Boden.
Weitere zwei Monate später ohne sichtbare Fortschritte, sie fraß nun gar nicht mehr, setzte ich sie kurzerhand in unseren Hof. Meine Nerven lagen blank. Es war nun Ende Mai und warm. Unser Hof ist gut gegen Aus- und Einbrechen abgesichert, also konnte ich es wagen. Und siehe da, Feline blühte auf. Ich traute meinen Augen nicht. Sie fing zu futtern an, hoppelte überall herum, anfangs ungelenk, dann aber immer geübter, und sie entwickelte eine ungeahnte Neugier an allen Dingen, die sich dort befanden: Blumen, Sträucher, Erde, Vögel, Scheune, Garten, alles war hochinteressant. Nur unser Haus, das wollte sie von innen jetzt nicht mehr sehen. Da half auch kein Locken mit Salat und so. Sie buddelte sich eine Höhle im Hof, und von nun an wurde sie auch viel zutraulicher. Mit Käfig war jetzt allerdings nichts mehr drin. Wann immer ich rauskomme, rennt sie hinter mir her. Wenn ich in die Scheune gehe, hoppelt sie hinter mir her, sie läuft mit mir in den Garten, der Löwenzahn schmeckt ihr sehr gut, und und... Jetzt hat sie auch wieder an Gewicht zugenommen. Nur Heu, das mag sie gar nicht.
Draussen gefällt es ihr also sehr viel besser. Und nach einem weiteren halben Jahr kann ich sagen, ihr Zustand hat sich immer weiter verbessert und ist stabil geblieben. Oft hockt sie auf ihrem kleinen Hügel, den wir aufgeschippt haben, und beobachtet ihr Grundstück, oder vom Hofzaun aus betrachtet sie die vorbeifahrenden Autos und die Menschen die vorbeigehen. Sie bleibt zwar immer auf körperliche Distanz zu uns aber unsere Nähe sucht sie doch.
Ihre Aggression ist nun verschwunden, ihr Appetit ist zurückgekehrt. Die Depression erkenne ich nicht mehr und die Verhaltensstörung ist einem normalen Verhalten gewichen. Und jetzt fehlt ihr nur noch ein netter Partner, den ich jetzt auch für sie suchen werde, nach einem Jahr.
Nur ein schmusiges Tier, das ist sie nicht mehr geworden. Wir haben diesen Charakterzug von ihr aber nun respektieren gelernt, sie ist nun mal dem Menschen gegenüber scheuer geblieben, aber es macht uns trotzdem Freude dieses Tier im Hof zu betrachten.
Alles in allem muss ich nun feststellen, dass Kaninchen weitaus breiter gefächerte Verhaltensmuster entwickeln als ich das angenommen hatte. Meerschweinchen sind da viel einfacher und homogener in ihrem Verhalten.
Von den drei Kaninchen, die ich bisher hatte, war jedes eine ganz eigene Persönlichkeit.
Vielen Dank an Marion für den Bericht!
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Die hier empfohlenen Ratschläge erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit,
Richtigkeit und Anwendbarkeit, da sie in Summe nur aus den Erfahrungswerten der Autorin,
der Fachliteratur, sowie Berichten / Artikeln unterschiedlichster Herkunft stammen. Die
Seiten über Kaninchenkrankheiten sollen dem Halter einen Überblick über
mögliche Erkrankungen, Symptome und Alarmzeichen verschaffen, um so seinen Blick
zu schärfen. Ein Einblick über derzeitig allgemein übliche Behandlungen
sowie Erfahrungsberichte Betroffener, sollen das Verständnis gegenüber bestimmten
Krankheitserscheinungen wecken, damit er sich das nötige Grundwissen zur Suche des geeigneten
Tierarztes erwerben kann.
Die Tipps ersetzten selbstverständlich
keine qualifizierte Tierarztbehandlung!
Die hier wiedergegebenen Informationen sind lediglich Tipps für die Haltung und Pflege des
Kaninchens und ich übernehme keinerlei Haftung für Schäden
(z.B. bei Anwendungsfehlern bzw. Falschinterpretation) die aus der Anwendung dieser
Informationen entstehen.
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